Kunsthaus Lempertz

Auktion 990 Moderne Kunst  
2. Dezember 2011
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Zoom ev. >600KB
 
Lot 223
EUR  900.000  -  1.000.000
USD  1.240.830  -  1.378.700
 
WASSILY KANDINSKY 
Moskau 1866 - 1944 Neuilly-sur-Seine
 

ZWEI SCHWARZE FLECKE
1923  
 
 
 

Aquarell und Tusche auf festem genarbten chamoisfarbenen Papier 47,8 x 32,7 cm, unter Glas gerahmt. Unten links mit schwarzer Tusche monogrammiert und datiert K (im Winkel) / 23. - Das Papier leicht gebräunt. Mit minimalen, altersbedingten Randverletzungen, diese fachmännisch restauriert. Sehr farbfrisch erhalten.

Kandinsky Hauskatalog der Aquarelle 57/1923; Endicott Barnett 608

Provenienz
Schenkung des Künstlers an Sophie Lissitzky-Küppers (1924); Privatsammlung Deutschland; Kunsthaus Lempertz Köln, Auktion 643, 20. Nov. 1989, Nr. 321 mit Farbabb.; Privatsammlung Rheinland (1989)

Ausstellung
Wien 1924 (Neue Galerie), Russische Kunstausstellung (o. Kat.); Düsseldorf/Stuttgart 1992 (Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen/Staatsgalerie Stuttgart), Kandinsky. Kleine Freuden, Nr. 77 mit Abb. (mit rückseitigem Aufkleber auf der Rahmenrückwand)

Literatur
Armin Zweite, Die Linie zum inneren Klang befreien, in: Ausst. Kat. Düsseldorf/Stuttgart 1992, S. 25; Vivian Endicott Barnett, Kandinsky Werkverzeichnis der Aquarelle, Bd. 2, 1922-1944, München 1994, Nr. 608, S. 33 mit zusätzlicher ganzseitiger Farbabb.


Das Aquarell, bei dem es sich um die lange Zeit verschollen geglaubte Nr. 57 aus Kandinskys Hauskatalog handelt, ist laut Vivian Endicott Barnett im Februar 1923 entstanden. Ein Jahr später, d.h. im Februar 1924, schenkte er das Blatt Sophie Küppers, der Witwe von Paul Erich Küppers, der bis zu seinem Tode im Januar 1922 künstlerischer Leiter der von Albert Brinckmann und ihm ins Leben gerufenen Kestner-Gesellschaft in Hannover war. Vom 15. bis 22. Februar desselben Jahres, d.h. vermutlich unmittelbar nach der Schenkung Kandinskys an Sophie Küppers, war die Arbeit laut Endicott Barnett in Wien in der „Neuen Galerie“ von Otto Nierenstein ausgestellt. Diese sogenannte „Russische Kunstausstellung“, bei der neben Werken Kandinskys auch Arbeiten von Archipenko, Chagall und Lissitzky gezeigt wurden, war von Otto Kallir und der „Gesellschaft zur Förderung Moderner Kunst in Wien“ organisiert worden. Einen Katalog gab es nicht, jedoch stieß die Ausstellung trotz ihrer knappen Laufzeit bei der Wiener Presse auf großes Interesse. Die Tatsache, dass auf der Rückseite des Aquarells „Besitz S. Küppers/unverkäuflich/5“ geschrieben steht, legt nahe, dass Kandinsky ihr das Blatt unmittelbar vor oder während der Wiener Ausstellung geschenkt hatte. Sophie Küppers, die laut Endicott Barnett an der Organisation der Ausstellung beteiligt war, heiratete 1926 ihren engen Freund, den hier ebenfalls vertretenen Maler El Lissitzky.
Kandinsky hatte Ende 1921 die Sowjetunion wieder verlassen und war im März 1922 auf Einladung von Walter Gropius ans Weimarer Bauhaus berufen worden. Der Künstler nutzte die Zeit am Bauhaus, um gleich Paul Klee in Publikationen seine Sicht der Kunst darzustellen bzw. objektive Grundlagen für dieselbe zu entwickeln. 1923, d.h. im Entstehungsjahr unseres Aquarells, publizierte das Bauhaus gleich zwei Artikel Kandinskys: „Die Grundelemente der Form“, bei dem es um die konzeptuelle Verknüpfung von Kunst, Wissenschaft und Industrie ging, sowie „Farbkunst und Seminar“, in welchem er sein Interesse für Maltechniken, Pigmente und Bindemittel äußerte. Kandinsky verlangte für die gegenwärtige Malerei nach einer genauen und wissenschaftlichen Prüfung ihrer malerischen Mittel. Mit diesem Wunsch ging eine sukzessive Veränderung seiner eigenen Bildsprache einher. Die expressive Malweise gab er auf, um sich ab 1922/23 zunehmend geometrischen Formen zuzuwenden. Das Blatt „Zwei schwarze Flecke“ zeigt einen dominanten, radial nach links oben auffahrenden Strahl, welcher die Ecken auf strenge, dramatische Weise verspannt. Erschüttert wird das Gleichgewicht allein durch den oberen schwarzen Fleck, der jedoch durch das kleine schwarze Quadrat links unten (den zweiten schwarzen Fleck) in seiner Radikalität gemildert wird. Weitere Linien, exakt geometrische wie auch organische Formen und Formdurchleuchtungen lockern die Strenge der Darstellung auf und suggerieren Schwerelosigkeit. Die hier über- und nebeneinander gesetzten Form- und Farbelemente bewirken ein Steigen und Schweben, welches nicht den Gesetzmäßigkeiten der realen Welt entspricht und doch dem rigiden Formwillen des Künstlers unterliegt. Wohl kalkuliert ist auch die subtile Farbigkeit des Blattes. Das warme, unregelmäßig aufgetragene Braun der aufschießenden Diagonale vermittelt Energie und Lebendigkeit. Einige Formen sind gleichmäßig deckend koloriert, wohingegen andere mit lockerem trockenen Pinsel getupft sind, was ein Gefühl von Leichtigkeit evoziert. In der Gesamtheit haben diese kompositorischen Gegensätze jedoch weniger die Absicht mustergültig zu unterhalten, als vielmehr die Fuge präziser, innerer Spannungen zu Bewusstsein zu bringen und gleichzeitig eine Synthese von sich bedingenden Gegensätzen zu schaffen.

Die Suchmeldung beim Lost Art Register, Magdeburg, wurde am 1.12.2011 gelöscht.


 
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