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Auktion 950 Moderne Kunst  
5. Dezember 2009
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Zoom ev. >500KB   Abb.1  
  Abb.2  
 
Lot 1012
EUR  100.000  -  130.000
USD 129.740  -  168.662
 
HERMANN MAX PECHSTEIN 
Zwickau 1881 - 1955 Berlin
 

BILDNISKOPF DR. EDUARD PLIETZSCH
Vermutlich 1913  
 
 
 

Bronzeplastik. Höhe 30 cm (mit Stele 44,5 cm). Rückseitig am Hals monogrammiert und undeutlich datiert HMP (ligiert) 191[?]. - Die Patina grün oxydiert, teils mit kleineren Abplatzungen durch Brandschaden. Das Nasenbein mit einer kurzen Einkerbung.

Wir danken Aya Soika, Dabendorf-Zossen, für ihre wertvollen Hinweise und Julia Pechstein, Hamburg, für ihre Auskunft nach der Vorlage des Originals, daß es sich bei dem vorliegenden Werk um den einzigen Lebzeitguß nach dem Gips, heute im Brücke-Museum Berlin, handelt. Die Bronze ist durch eine zeitgenössische Photographie im Nachlaß dokumentiert. Vom Nachlaß wurden 3 Bronzen von der Gipsplastik 1974/1975 bei Schmäke, Düsseldorf, gegossen.

Provenienz
Bis 1945 im Besitz Hermann Max Pechsteins, im Atelierbrand beschädigt und verschollen; Privatsammlung Nordrhein-Westfalen (seit Ende 1990er Jahre)

Ausstellung
vermutlich Berlin 1913 (Kunstsalon Fritz Gurlitt), Kollektionen Wilhelm Trübner, Willy Jaeckel, Oskar Moll, Max Pechstein, Kat. Nr. Plastiken Nr. 2 "Bildnis Dr. E. Pl."; Unna 1989 (Schloß Cappenberg), Max Pechstein, Kat. o. Nr., S. 202 mit Abb. S. 19 (posthume Bronze)

Literatur
Andreas Franzke, Skulpturen und Objekte von Malern des 20. Jahrhunderts, Köln 2000, S. 73 mit Abb. (posthume Bronze); Kommentiertes Verzeichnis der Bestände des Brücke-Museum Berlin. Malerei und Plastik, München 2006, S. 356, Kat. Nr. 141 (dort auf 1919 datiert) mit ganzseitiger Farbabb. S. 357 (Gips)

"Modernen Bildnismalern kann nämlich allerlei vorgeworfen werden, aber daß sie dem Porträtierten schmeicheln, ihn idealisieren und verschönern, das kann sogar der stärkste Mann nicht behaupten", schreibt der Kunsthistoriker Dr. Eduard Plietzsch rückblickend angesichts seiner diversen Porträts von verschiedenen Künstlern (Ders., Heiter ist die Kunst, Gütersloh 1955, S. 101). Max Pechstein hatte er bereits während seines Studiums 1908 bei einer Ausstellung der "Brücke" im sächsisch-thüringischen Altenburg kennengelernt und - obgleich sein Hauptinteresse eher der niederländischen Malerei des 16. Jahrhunderts, über die er auch promoviert wurde, galt - sich für die Werke der jungen Expressionisten eingesetzt. "Seit dem Jahr 1910 habe ich Pechsteins Schaffen aus nächster Nähe miterleben können. Aber unsere Freundschaft soll und darf mich nicht daran hindern, ganz offen und sachlich zu erklären, daß die Auswahl seiner Werke zum Allerbesten gehört, was im vergangenen halben Jahrhundert in Deutschland gemalt worden ist." (ebenda, S. 60). Zu dem Zeitpunkt ist Plietzsch bereits Direktorialassistent an der Berliner Gemäldegalerie bei Wilhelm Bode und Max J. Friedländer. 1915 veröffentlicht er den Artikel "Max Pechstein und der Expressionismus" in der Zeitschrift Licht und Schatten, einer der wenigen Artikel, die er über moderne Kunst schreibt.

Max Pechstein und der 5 Jahre jüngere Eduard Plietzsch bleiben ein Leben lang befreundet und sie unterhalten einen lebhaften Briefwechsel. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, daß wenig über die Entstehungsumstände des plastischen Porträtkopfes, weder des Gipses noch des davon gegossenen hier vorliegenden und bislang verschollen geglaubten Bronzekopfes, in Erfahrung zu bringen ist.
Im Voraus ist zu konstatieren, daß von Pechstein wenige plastische Arbeiten überhaupt bekannt sind. 1911 schreibt er dem Freund aus Nidden über sein Vorhaben, gefundenen Bernstein später zu Schmuck verarbeiten zu wollen (s. Christian Vogel, "Mein lieber Ede...". Künstlerpost von Max Pechstein an Eduard Plietzsch, Hamburg 1996, S. 22). Von anderen Brücke-Künstlern wie beispielsweise von Karl Schmidt-Rottluff sind nicht nur plastische Werke, sondern auch selbstgefertigte Schmuckstücke erhalten (Gerhard Wietek, Karl Schmidt-Rottluff. Plastik und Kunsthandwerk. Werkverzeichnis, München 2001, vgl. z.B. Kat. Nrn. 352-500; Ausst. Kat. Rosa, Eigenartig Grün. Rosa Schapire und die Expressionisten, Hamburg 2009, S. 240 f., S. 259, S. 326 f.).
Das Entstehungsjahr der originalen Gipsplastik wird vom Brücke-Museum in Berlin aufgrund der Bezeichnung "19" in das Jahr 1919 datiert, doch haben wir mit einem Gemälde schon ein Datum ante quem. Dieses Stilleben zeigt den Bronze-Porträtkopf Plietzschs im Verein mit einer Gipskopie der Nofretete-Büste und bildet die gewendete Rückseite des Gemäldes "Fischer im Boot", datiert 1918, heute im Israel Museum in Jerusalem (s. Vergleichsabbildung) und wird von Aya Soika auf ca. 1917 datiert. Die Nofretete-Büste war während einer Ausgrabung in Amarna 1912 gefunden und 1913 nach Berlin verbracht worden - die Furore, die dieser Fund in der damaligen Kunstwelt ausgelöst haben mag, läßt sich unschwer vorstellen. Pechstein mag auch einem darüber geführten Diskurs mit seinem Kunsthistorikerfreund Plietzsch in diesem Stilleben Rechnung getragen haben.
Nimmt man also nun weiterhin an, daß Pechsteins wirtschaftliche Lage und seine Teilnahme am I. Weltkrieg ab 1915 ihn sicher nicht zu einem teuren Bronzeguß des Freundschaftsporträts bewogen haben, wird die Entstehung des Bildniskopfes vor 1914 wahrscheinlicher. 1914 publiziert Paul Fechter in seinem Buch "Der Expressionismus" ganzseitig die Pechstein-Bronze "Kopf eines Leichtathleten", gen. "Der Läufer", ein Kopf auf einer zu dem vorliegenden Bildniskopf Plietzsch sehr ähnlichen konisch zulaufenden eckigen Stele auf runder Plinthe (Ders., München 1914, S. 29; die Stelenkonstruktion ist vollständig auf einem im Nachlaß bewahrten Photo von Pechstein in seiner Wohnung mit der Gipsfassung des "Kopf eines Leichtathleten" zu erkennen, siehe Vergleichsabbildung).
Im Oktober 1913 waren bei Pechsteins Galeristen Fritz Gurlitt 8 Bronzen ausgestellt. Neben dem besagten "Kopf eines Leichtathleten" ist als Kat. Nr. 2 "Bildnis Dr. E. Pl." aufgeführt, mit größter Wahrscheinlichkeit die Bronze, die nun hier vorliegend der Öffentlichkeit wieder bekannt geworden ist.


 
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