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Auktion 948 Zeitgenössische Kunst  
5. Dezember 2009
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Zoom ev. >500KB   Abb.1  
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Lot 461
EUR  300.000  -  400.000
USD 389.220  -  518.960
(R)  Regelbesteuert laut Versteigerungsbedingungen
 
ILYA KABAKOV 
Dnjepropetrowsk 1933
 

MEINE HEIMAT. DIE FLIEGEN
1991  
 
 
 

Mehrteilige Installation: Plastik-Fliegen an Nylon-Schnüren, Edelstahlständer mit blauen Kordeln, Tusche- und Farbstift-Zeichnungen, unter Glas gerahmt, Tischvitrine, u.a.. Installationsmaß variabel.

Stooss 40

Provenienz: Privatsammlung, Deutschland

Ausstellungen:
Moskau 2008 (3. Moscow Biennale of Contemporary Art), Ilya and Emilia Kabakov, Retrospective, Ausst.Kat. Bd. "The Life of Flies", S.37-39 mit Farbabb.
Paris 1995 (Centre National d'Art et de Culture Georges Pompidou), Ilya Kabakov, Installations 1983-1995, Ausst.Kat. S.220 - 223 mit Abb.
Köln 1992 (Kölnischer Kunstverein), Ilya Kabakov, Das Leben der Fliegen, Ausst.Kat. mit Abb.
Berlin 1991 (Galerie Wewerka & Weiss), Meine Heimat - Die Fliegen, Eine Installation von Ilya Kabakov, Ausst.Kat. mit Abb.

Literatur:
Zdenek Felix (Hg.), Der Text als Grundlage des Visuellen, Köln 2000, S.225; Boris Groys, David A. Ross, Iwona Blazwick, Ilya Kabakov, London 1998, S.114 u. 119 mit Farbabb.; Ilya Kabakov, My Homeland, The Flies, New York 1998; Amei Wallach, Ilya Kabakov, The man who never threw anything away, New York 1996, S.216 u. S.219 mit Farbabb. (die vorliegende Arbeit ist jeweils als Teil der Installation "Das Leben der Fliegen" abgebildet)

Die Arbeit ist nur in unseren Räumen in Berlin zu besichtigen.
Die Arbeit kann vom Atelier des Künstlers beim Sammler installiert werden.
Der Katalogtext ist online in russischer Sprache übersetzt.


"Warum nun die Fliegen? Was hat das vorgegebene Thema damit zu tun? Die Verbindung ist hier, versteht sich, rein spekulativ. Dem Genre nach handelt es sich um eine Groteske à la Swift oder Maeterlinck. Ich suchte nach der Antwort: Warum ist und war das Leben in meiner Heimat schon immer, bis in die entfernteste Vergangenheit, so unendlich schlecht und qualvoll, so sinnlos und hoffnungslos traurig? Ich fand keine inneren Gründe, dafür aber äußere: Über dem gesamten Territorium von Minsk bis Swerdlowsk hängt ein riesiges Reich der Fliegen, das sich bis ins All erstreckt. Die Frage nach der Glaubwürdigkeit einer derartigen Version sei hier beiseite gelassen, sie ist weder größer noch geringer als die anderen Theorien, die diesbezüglich je aufgestellt wurden. Im Gegensatz zu anderen Erklärungen verfügt aber diese über einen wesentlichen Vorteil: Sie kann nicht widerlegt werden, denn die Forschung selbst und die entsprechenden Untersuchungen stecken noch in den Kinderschuhen. In der Installation wird diese Theorie dargestellt und durch Schemata, Zeichnungen sowie eine Sammlung von 'Fliegen-Hierarchien' illustiert." (Ilya Kabakov, in: Stooss, S.278)

"Beim genaueren Hinsehen merkt der Besucher, daß die Fliegen in der Luft nicht chaotisch hängen, sondern sehr genau zu einer exakten geometrischen Figur geordnet sind. Der ganze Raum stellt einen gut organisierten Kosmos mit seinem komplizierten, aber klaren Aufbau dar, wo jede Ebene von bestimmten Fliegen besetzt ist. Oben befinden sich vier Fliegen, etwas tiefer ist ein Ring aus achtzehn Fliegen, direkt am Boden über dem Müllhaufen noch zwei Ringe aus einer großen Menge von Fliegen. Über den kleineren Müllhaufen befinden sich weitere Ringe auf verschiedenen Ebenen. In den Vitrinen sind die Schemata der 'Hierarchien' zu sehen. Der Bewegungseffekt in einer solchen Installation entsteht dadurch, daß die ganze Mitte des Raumes mit schwarzen Punkten gefüllt ist, und zwar auf allen Ebenen von oben nach unten, und der Zuschauer sich um diese Sphäre herum bewegt wie um einen gigantischen Globus, nur daß seine transparente Konstruktion mittels dieser winzigen schwarzen Punkte gekennzeichnet ist. Die Schemata und die Bedeutung dieses 'Globusses' werden an den Wänden zusätzlich als einzelne Zeichnungen dargestellt. Alles in allem hat das Ganze den Anschein eines kosmischen Museums in äußerst ernster 'wissenschaftlicher' Art; alles ist akademisch genau, streng und pedantisch präsentiert, alles bis zum letzten Kästchen ist mit Nummern, Schemata, Etiketten und Erklärungen versehen." (Ilya Kabakov, in: Stooss, S.279)

Der Text "Neue Erkenntnisse über die 'tanzende' Zivilisation der Fliegen (F)" in der Installation reflektiert über die Existenz von Fliegen-Vereinigungen im Kosmos und spricht über deren Entdeckung als bislang unbekannte und hochstrukturierte Organisation, die als Zivilisation F bezeichnet wird. Diese Untersuchung wurde hauptsächlich auf dem Territorium Rußlands von der Informationsabteilung U.B.S., der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, durchgeführt. Der Bericht, der die Auswirkungen der Zivilisation F auf die Menschheit und das Tierreich untersucht, endet mit der Spekulation: "Nichts desto trotz erscheint die andauernde Depressivität in gewissen Regionen (Zentralrußland und Trans-Ural) vor dem Hintergrund dieser neuen Entdeckungen in einem ganz anderen Licht: die fehlende energetische Spannkraft, die sich ständig wiederholende Zerstörung wirtschaftlicher und anderer Beziehungen, die bisher von scheinbar unerklärlichen, irrationalen Ursachen herzurühren schienen." (Ilya Kabakov, in: Stooss, S.283)

“In Ilya Kabakovs Arbeiten treffen wir immer wieder die Fliege an. Deshalb scheint auf den ersten Blick die Frage ganz natürlich: Welche Bedeutung hat die Darstellung der Fliege für den Künstler beziehungsweise welchen Platz nimmt die Fliege in seinem künstlerischen System ein? Die einfachste Antwort auf diese Frage muß wahrscheinlich lauten: Die Fliege kann ihrer eigenen Natur nach keinem bestimmten Platz in irgendeinem System einnehmen. Sie schwirrt ständig im Kreis herum, brummt, setzt sich und fliegt im selben Augenblick wieder auf. Ihre Runden in der Luft sind immer chaotisch. Der Platz, den sie auf der Oberfläche der Gegenstände einnimmt, ist immer zufällig. Außerdem ist die Fliege ihrer Identität beraubt - sie läßt sich nur schwer mit dem Auge festhalten, und wir können nie sicher sagen, ob es dieselbe Fliege ist, die gerade herumschwirrt, sich setzt und auffliegt wie im Augenblick zuvor. Besonders in seinen frühen Arbeiten unterstreicht Kabakov dieses jeder bestimmtem Ordnung Enthobensein der Fliege: Manchmal erscheint die realistische Darstellung einer Fliege auf seinen sorgfältig durchdachten und bürokratisch exakt liniierten Blättern, als ob sich die Fliege zufällig darauf niedergelassen hätte und gleich wieder aufflöge. Ist auch die Fliege selbst rastlos und unstet so scheinen doch der Begriff 'Fliege' und sein Platz in der Kultursprache durchaus Bestand zu haben. In seinen 'Fliegenarbeiten' macht Kabakov diese Illusion zunichte. Der Begriff 'Fliege' erweist sich als ebenso beweglich wie sie selbst." (Boris Groys, Lasst uns werden wie die Fliegen, in: Ilya Kabakov, Das Leben der Fliegen, Ausst.Kat. Kölnischer Kunstverein 1992, o.S.)


 
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